„Ihr seid das Gewissen Österreichs“

Es ist ein heißer Julitag. Das Thermometer hat die 30 Grad Marke längst überschritten. In der Wiener Innenstadt sind fast nur Touristen unterwegs. Wie an jedem Tag sind auch an diesem Dienstag die OMAS GEGEN RECHTS gegenüber dem Bundeskanzleramt beim Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz am Wiener Ballhausplatz zu finden und packen ihre Plakate, Flyer sowie ihr Transparent aus, um sich mit Menschen in Not solidarisch zu zeigen. Seit fast zwei Jahren halten sie Mahnwache und das täglich von Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr.

An diesem Dienstag sind Ursula und Zuzana hier. Die beiden haben alles dabei: Ein kleines Pölsterchen, um das Sitzen auf dem Stein ein wenig bequemer zu machen, ausreichend Getränke, um der sengenden Hitze entgegenzuhalten, und die OMAS-Schirme, die vor der gnadenlos brütenden Sonne schützen. Ursula spannt gleich ihren Schirm auf, während Zuzana die Hitze gar nichts ausmacht. Auch die Kälte stört sie nicht. Bei vier Grad Wassertemperatur ist sie im letzten Februar sogar Eisschwimmen gegangen.

Anerkennung von der Staatsspitze

„Sorgen macht sich da eher unser Bundespräsident um uns“, erzählt sie, „wenn er uns bei Hitze und Kälte hier sitzen sieht“. Er geht öfters mit seiner Hündin Juli an den OMAS vorbei, äußert mitfühlende und aufmunternde Worte, bevor er in die Präsidentschaftskanzlei abbiegt. „Es ist schon toll, dass in Österreich ein Bundespräsident – ohne von seiner Security eingekreist zu sein – einfach so vorbeispaziert und mit den Passant*innen redet.“ In den Geburtsländern von Zuzana und Ursula, Tschechien und Deutschland, würde das nicht gehen.

Es ist 1968, als Zuzana mit ihrer Familie von Prag nach Österreich flüchtet. Sie ist 15 Jahre alt, spricht zu diesem Zeitpunkt kein Wort Deutsch, muss alles in der alten Heimat zurücklassen. Ihr Vater, der in der Tschechoslowakei der Direktor des Filmarchivs war, findet bald eine Arbeit, mit der er die Familie versorgen kann. Sie selbst kommt ins Gymnasium, lernt die Sprache; ihre Musikalität hilft ihr, die Umlaute richtig auszusprechen und sie wird der Liebling ihrer Deutschprofessorin. Als einzige in der Klasse maturiert sie schließlich mündlich in Deutsch.

„Einmal Flüchtling – immer Flüchtling“

Nach bestandener Aufnahmeprüfung an der Filmakademie studiert sie und arbeitet danach viele Jahre als Schnittassistentin. Das Aufzeigen von sozialen und gesellschaftlichen Missständen ist ihr Thema.

„Ich kenne das Gefühl als Fremde hier zu leben. Einmal Flüchtling – immer Flüchtling“, so fühlt sich Zuzana teils heute noch.

Ganz anders die Geschichte von Ursula: Sie lebte im Bezirk Suhl in der DDR und arbeitete in einer Fabrik, die Schreibmaschinen für Araber produzierte. Als die Wende 1989 kam, wurde die Firma zugesperrt. Ursulas Job war weg und es gab keine Möglichkeit mehr, in Suhl zu arbeiten. „Alles machte dicht“. Ursula hatte Verwandte in Wien, 1991 beschließt sie – bereits als EU-Bürgerin – nach Wien zu kommen. Sie war damals 39 Jahre alt und machte sich nicht viel Hoffnung, einen neuen Job in Wien zu finden. Doch sie fand Arbeit im Briefzentrum, wo sie 16 Jahre lang tätig war. Dann ging sie in Pension. „Als Flüchtling fühlte ich mich nie. Ich habe auch noch immer meinen deutschen Pass.“ Ihre vier Geschwister im Osten sieht sie nur selten.

Als die beiden während der Mahnwache von ihrer Geschichte erzählen, hält ein Streifenwagen an. Ein Polizist steigt aus, kontrolliert die Ausweise, gibt sie mit freundlicher Mine wieder zurück.

Es sind die positiven Reaktionen der Menschen, die überwiegen. Oft sind es die jungen Leute, die stehen bleiben und klatschen oder den OMAS was Nettes zurufen. Einmal kam ein Mann mit drei Schachteln Merci und schenkte sie den OMAS. „Ihr seid das Gewissen Österreichs“ – diese Aussage eines Passanten hat die OMAS besonders gefreut. Ans Aufgeben denken sie nicht. „Wir bleiben so lange da, bis sich in der Flüchtlingspolitik was zum Positiven ändert“.

Das machen die OMAS nun schon fast zwei Jahre lang. Bei Hitze, Kälte, Sturm und Regen.